Fragen zum Fleischkonsum, die sich jeder stellen muss

Der Fleischkonsum ist heute in gewisser Hinsicht zum schändlichen Ausdruck von Neid, Ungleichheit und Herzlosigkeit geworden. Immer mehr Menschen fragen sich: „Und dafür ist ein Tier gestorben?“, wenn sie schlecht produziertes, schlecht gemetzgertes und schlecht zubereitetes Fleisch essen. Daher sollte man sich ein paar Gedanken dazu machen.

IMG_4440

  1. Falls Sie Fleisch essen, ist es gut genug? Könnte es vielleicht besser sein? Haben Sie genügend positive Informationen über das Fleisch, das Sie kaufen? Oder ist es anonymes Fleisch, das hauptsächlich billig sein soll und mit fragwürdigen Methoden produziert wird? Sollten Sie vielleicht mehr Geld ausgeben für gutes Fleisch? Oder etwa weniger, weil Sie auch mal günstigere Teile von Tieren aus besserer Haltung probieren? Wenn wir immer Roastbeef und Filet essen, wird’s eben teuer!
  2. Denken Sie an das Tier, das für Ihre Nahrung sein Leben gelassen hat? Hatte es ein artgerechtes Leben? War sein Futter in Ordnung oder hat es nichts als Soja aus Südamerika bekommen? Hat es einen Bauern gegeben, der das Tier respektiert und geschätzt hat?
  3. Wie ist das Tier gestorben? Denken Sie an den Transport des Tieres und an den Schlachthof, in dem man es getötet hat. Ist es ohne Qualen, sauber und nach den Regeln der Handwerkskunst eines guten Metzgers vom Leben in den Tod befördert worden? Forschen Sie mal nach, woher die Tiere kommen, die Sie essen. Vielleicht wechseln Sie dann zu einer Einkaufsquelle, die sicher und regional, vielleicht sogar lokal ist. Vielleicht können Sie das Fleisch direkt vom Erzeuger kaufen, eventuell besondere Zuschnitte und Teile bestellen?IMG_5432
  4. Gehen Sie sparsam mit Fleisch um? Sie sollten nicht nur immerzu die beliebtesten Teile konsumieren, also im Wesentlichen das Muskelfleisch. Das Tier hat sterben müssen, um Ihnen sein Fleisch zu liefern. Also gehört es sich, es wenigstens ganz zu verwerten und so gut wie nichts davon wegzuwerfen. Natürlich gibt es dafür heute einen Modebegriff: from nose to tail – von der Nase bis zum Schwanz. Das trifft es gut. Beim Geflügel ist es wichtig, das ganze Tier zu kaufen, auch aus politischen Gründen: Die Industrie verkauft uns vor allem Brust, weil die so „schön“ mager ist, aber sie schmeckt leider fast nach nichts! Der Rest wandert als Billigware nach Afrika, wo deshalb niemand mehr einheimisches Hühnerfleisch vermarkten kann. In der Fleischindustrie wandert bei uns vieles, was das Potenzial zur Delikatesse hat, gleich in den Abfall und wird zu Tierfutter oder anderem verarbeitet. Sie bekommen es gar nicht erst beim Discounter. Denken Sie daran, was mit den Teilen wie Innereien und den vielen nicht so „edlen“ Stücken von Lamm, Schwein, Rind und Hähnchen passiert. Fragen Sie also beim Metzger nach den seltener verlangten Köstlichkeiten: Schweineherz oder -kopf, Ochsenschwanz, Kronfleisch, Kutteln, Kalbsbacken …
  5. Wie bereiten Sie Fleisch zu? Möchten Sie verstehen, was genau mit einem Braten oder einem Hühnchen im heißen Ofen passiert und warum Fleisch besser schmeckt und mehr Glanz hat, wenn man es nach dem Braten eine Viertelstunde ruhen lässt? Oder was genau passiert, wenn wir ein Kochfleischstück langsam über Stunden mit feinen Aromen simmern lassen?
  6. Wie könnten Sie eventuell weniger Geld ausgeben und zugleich besser essen? Probieren Sie neue Rezepte aus, die nicht kompliziert, sondern aufregender und befriedigender sind als der trockene Tafelspitz oder das bald schon langweilige Filet. Kochen Sie auch Rezepte für Innereien nach. Werden Sie kreativ, testen Sie unterschiedliche Gar- und Zubereitungsmethoden, achten Sie auf die Texturen der verschiedenen Fleischteile – auch der preiswerten. Wie machen sich diese auf der Zunge und am Gaumen bemerkbar? Die Japaner haben uns gelehrt, das haptische Erlebnis im Mund zu beachten, also wie sich das Fleisch am Gaumen und in der Mundhöhle anfühlt, wie es sich beißen lässt. Auch die Temperatur ist wichtig und das Gefühl, wenn das Essen den Gaumen entlang und den Schlund hinuntergleitet.
  7. Essen Sie Fleisch? Ist es moralisch korrekt, das zu tun? Tiere sind Mitgeschöpfe, die Schmerz, Lust, Angst und Freude empfinden – zumindest die Tiere, die wir für unsere Nahrung milliardenfach halten. Viele Gattungen unserer Nutztiere haben keinen Schmerzlaut, nehmen also klaglos alles hin. Das erleichtert den rücksichtslosen bis brutalen Umgang mit ihnen. Tiere gehören schon deshalb zur moralischen Sphäre von uns Menschen, weil wir ihr ganzes Leben bestimmen. Jede moralische Diskussion muss dies beinhalten, denn wir haben eine große Bandbreite an Gestaltungsmöglichkeiten für unseren Umgang mit Tieren. Wir blicken einstweilen auf die Welt, wie sie heute ist. Aber wir sollten uns auch fragen, wie wir die Situation der Tiere verbessern können. Aus der Menschheitsgeschichte heraus ist es normal, dass wir als Jäger und Sammler Fleisch essen und seit der Jungsteinzeit Vieh halten. Das verleiht uns aber nicht unbedingt moralische Rechte, und wir haben die Freiheit, unser Verhalten zu ändern, graduell oder auch komplett.IMG_5222
  8. Wie empfinden Sie den Tod von Tieren? Das moralische Dilemma für uns Christen, Tierfreunde und viele andere: Um uns mit Fleisch zu ernähren, müssen wir töten. Beide Lager, Vegetarier und Fleischesser, werfen einander ihre Totschlagargumente an den Kopf, sei es die Rechtfertigung, dass wir seit Jahrtausenden jagen, töten und Tiere essen, sei es die Behauptung, dass unsere Urahnen reine Pflanzenfresser waren. Vegetarier, Veganer und Fleischesser fühlen sich voneinander angegriffen und bedroht. Das zeigt immerhin den Stellenwert des Themas. Mit der Diskussion ist der erste Schritt getan: Selbsterkenntnis. Jeder muss sich entscheiden, ob sie oder er Fleisch essen möchte oder nicht. Als Individuen sind die meisten von uns in der Lage, auf Fleisch und tierische Erzeugnisse zu verzichten, die ganze Menschheit aber einstweilen nicht: Wie sollten sich die Samen, die Inuit (früher Eskimos) oder die Tuareg heute ernähren? Wie sollten die riesigen mageren Grünlandflächen der Erde anders sinnvoll bewirtschaftet werden, wenn nicht mit Tierhaltung? Dort funktioniert kein Ackerbau. Über eine Milliarde Menschen leben von Jagd und Viehhaltung! Und es sind nicht nur die Menschen in den kargen Zonen der Welt, sondern auch die Menschen in den höheren Regionen des Alpenvorlands und der Alpen, wo Klima und steile Lage gar nichts anderes als Grasland zulassen. Wir können nur sprichwörtlich ins Gras beißen; ernähren können wir uns davon nicht. Wir brauchen, wenn diese Flächen nicht brach liegen und wieder zuwachsen sollen, das Schaf, die Ziege und das Rind, die in der Lage sind, aus diesem einfachen Futter Milch und Fleisch zu erzeugen.
  9. Genießen Sie das Kochen und das Essen wirklich? Beides gehört zu den größten Privilegien, die wir in unserem kurzen Leben hier auf der Erde haben. Die Ernährung kann und sollte jedem in allen Stadien Freude machen: das Vorbereiten, das Kochen und das Essen.

IMG_4579

Ein Auszug aus Georgs Buch „Nachhaltig Leben für alle“ erschienen bei Irisiana

4 thoughts on “Fragen zum Fleischkonsum, die sich jeder stellen muss”

  1. Gabi Busch sagt:

    Das unterschreibe ich sehr gerne so

  2. Hanna Lehmann sagt:

    Diese Gesamtschau auf ein Lebens/ Mittel- das Fleisch ist mehr als nur ein Blick auf unser unreflektiertes Ess – und Kosumverhalten. Danke für diesen
    ganzheitlichen Ansatz. Schon am Beispiel , wie wir Fleisch verarbeiten und essen / genießen wird deutlich , wieviel uns Menschen verloren geht, wenn wir weiterhin unsere Welt parzellieren , tranchieren. Der Blick aufs
    Gesamte ist eine Bereicherung und
    Genuß

  3. Tina sagt:

    Ich habe europas grössten tierreste Verwerter kennen gelernt,er hat mehrere standorte unter anderem in frankreich und griechenland.er beklagt auch das in deutschland nur lende und filet gegessen wird.und wer soll das ändern.der verbraucher ?nicht! Denn wenn man mit bekannten essen geht was wird wohl bestellt?und die speisekarten gebenja gar keine andere alternative.denn was nicht geht fliegt von der karte.und mit dem hype des grillens wurde es noch grasser.die deutschen können es sich halt leisten nur die feinen stücke zu essen deshalb ist der tierverwerter mittlerweile auch millionär.nur mit MÜLL also im sinne von tonnenweise fleisch das noch verkehrsfähig ist,das kommt dann nach Japan,China und Korea.das sind laut seiner aussage die hauptkunden.die welt is(s)t irre!,,,,, guten appetit

    1. suedwestverlag sagt:

      hallo liebe tina, doch, genau der verbraucher kann das ändern. du entscheidest doch, was du dir im restaurant bestellst und was du bei dir daheim kochst, oder? wir glauben, dass auch die kleinen schritte zum großen beitragen können. liebe grüße und danke für deine gedanken! lisa

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *